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Renate Brauner:

"Der Psychiater der Straße"

Renate Brauner

Für Wiens Vizebürger-Meisterin Renate Brauner ist der Würstelstand aus dem Stadtbild nicht wegzudenken. Sie selbst findet leider viel zu selten Zeit fürs Plaudern bei einer Bratwurst.

Der Würstelstand gehört für mich ganz unverzichtbar zu Wien. Er ist ein Treffpunkt, und er ist die letzte Bastion, wenn man sehr spät abends noch schnell etwas essen will. Auch für den Tourismus spielt er eine wichtige Rolle, stellt er doch eine schöne Wiener Spezialität dar. Während meiner Studienzeit und auch wenn ich am Abend öfters unterwegs war, war der Würstelstand nicht selten die letzte Station eines solchen Abends. Ab und zu, wenn ich in meinem Heimatbezirk Margareten unterwegs bin, kann es schon vorkommen, dass ich beim Würstelstand in der Pilgramgasse vorbeihusche. Es kann auch passieren, dass ich auf meinem Heimweg, der von Würstelständen gesäumt ist, an einem davon haltmache. Aber die Frequenz ist stark gesunken, darum freu ich mich umso mehr über diesen Termin hier.

Der Würstelstand ist ein Ort der Kommunikation. Das liegt schon an seiner gestalterischen Beschaffenheit. Man kommt einfach leichter ins Plaudern, wenn man an einer Theke lehnt, das gilt ja auch für Lokale. Dazu kommt, dass die Wiener – so sehr sie manchmal granteln – auch sehr kommunikativ sind. Hier, am Würstelstand, kommen sozusagen die Leut’ zusammen. Und das Besondere ist, dass sich Menschen aus allen sozialen Schichten und jeden Alters zusammenfinden. Touristen kommen ebenfalls gerne.

Die Standler erfüllen dabei eine wichtige soziale Funktion, weil sie die Sorgenträger von vielen sind. Sie sind sozusagen die Psychiater der Straße, ähnlich wie ein Barmann oder eine Barfrau. Es gab sogar einmal ein Projekt von Sozialarbeitern im 22. Bezirk, im Rahmen dessen sich diese hinter die Theke gestellt haben.

Ich komm eigentlich an vielen Orten mit den Leuten ins Reden. Am Würstelstand ist es mir schon passiert, dass ich mit Touristen plauderte, die mich im Laufe des Gesprächs fragten, was ich denn beruflich so mache. Als ich sagte, ich sei Vizebürgermeisterin von Wien und für die Finanzen der Stadt zuständig, meinten sie: „und wo ist ihr Bodyguard?“. Ich antworte: „Nirgends, das ist Wien!“ Die Sicherheit und Lebensqualität in unserer Metropole ist wirklich einzigartig!

Ich mag gern Bratwürste, aber auch ganz normale Frankfurter. Dazu gibt’s – wie er bei mir heißt – den Punkterlsenf. Ich trinke so gut wie kein Bier, ich bin eine Wienerin, die den Gspritzten liebt. Am Würstelstand trink ich aber eher Wasser. Als Fleischtigerin würde ich mich nicht bezeichnen, nein. Ich esse gerne und bin eine typische Allesesserin. Ich liebe Obst, Gemüse, Süßigkeiten, aber ich genieße genauso gern ein Wiener Schnitzel oder eben eine Bratwurst.

Der Würstelstand ist aus Wien nicht wegzudenken! Man sollte ihn, so gut es geht, unterstützen, indem man ihm ab und zu einen Besuch abstattet. Vor ein paar Tagen hab ich eine Beschwerde vorgelegt bekommen, in der es hieß, dass es in Wien immer weniger Würstelstände gebe. Den Eindruck habe ich gar nicht. Aber man muss schon auf dieses Juwel Obacht geben, denn der Würstelstand gehört zu Wien wie der Stephansdom – und das Granteln.

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